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| Hellblau
– eine Liebesgeschichte Drehbuch: Thomas Meinecke/Uli Aumüller Tillmann ist Ende 30. Kein Athlet,
sondern von eher „mädchenhafter“ Statur. Wäre
er eine Frau, würde man sagen, seine Erscheinung wäre die
eines Knaben. Worum es in diesem Buch gehen soll, erfährt man nie wirklich ganz genau. Um afroamerikanische Popmusik, Techno, House, Rhythm&Blues – ihre afrikanischen und jüdischen Ursprünge, ihre Mythen, geschlechtlichen und rassischen Ausprägungen: Welche Hautfarbe hat Mariah Carey, welches Geschlecht hat Dana International? Tillmann recherchiert in alle Richtungen und wird unterstützt einerseits von Cordula, die ihm alles erdenkliche Material aus Berlin zusendet, andererseits von Yolanda, der afroamerikanisch-deutschen Exfreundin Heinrichs aus dessen Bitburger Jugendzeiten, die an der Regenstein-Bibliothek von Chicago arbeitet. Sie durchquert immer wieder die Slums von Chicago und Detroit und schildert Tillmann mit ihren Erlebnissen den sozialen Hintergrund vieler der Musiken, die in seinem Buch vorkommen sollen. In einem Cafe auf den Outer-Banks lernt Tillmann die gut 10 Jahre jüngere amerikanische Studentin Vermilion kennen und verliebt sich in sie. Vermilion schreibt an ihrer Doktorarbeit über das Geschlechterverhältnis der chassidischen Juden in New York. Ihr anfängliches Interesse an Tillmann beruht auf einem Missverständnis, da sie ihn für einen deutschen Juden gehalten hatte. Zu ihrer Überraschung ist er nicht einmal beschnitten. Aber die beiden bleiben zusammen, wobei Vermilion im Liebes- und Alltagsleben immer mehr den „männlichen“ Part übernimmt und nach und nach Tillmann zu einem „weiblichen“ – einen „jüdischen“ Mann umgestaltet. Offensichtlich überträgt sie Elemente ihrer wissenschaftlichen Forschungen auf ihren Freund, der zum einen als erotischer Partner mitspielt, zum anderen in seiner eigenen schriftstellerischen Arbeit beginnt über jüdische Geschlechtsstereotypien zu reflektieren. Im innerjüdischen Verhältnis und in der nicht-jüdischen Außensicht auf Juden, vor allem im Europa des 19ten und 20ten Jahrhunderts, als der jüdische Mann als „weiblicher“ Mann verstanden wurde. Tillmann stellt die Frage welche Auswirkungen das hatte, auf das Judentum im allgemeinen – und im besonderen auf die Entwicklung der amerikanischen Popmusik, in der sich diese Konstellationen noch einmal mit den Gegensätzen einer schwarzen und weißen Kultur vermengten. Egal, was Tillmann und Vermilion miteinander treiben, im direkten und im übertragenen Sinn, ob und wie sie miteinander schlafen, ob sie miteinander am Strand spazieren, im Meer baden, ob sie nach New York zu den Chassidim reisen, ob sie vor einem Hurrikan fliehen, der die Outer-Banks regelmäßig durchpflügt, ob sie Cordula besucht, die in ihrem hellblauen Anzug nach deutschen U-Bootwracks taucht – es wird jeweils Auswirkungen haben auf die andere Ebene ihrer Liebesgeschichte, Geschichten nämlich, die sich jeweils nur in ihren Köpfen abspielen, Geschichten, die sich im Film verbinden zu Episoden und Materialien der Musik, des U-Boot-Kriegs, der Hollywood-Diven der 30er und 40er Jahre, der jüdischen Komponisten des frühen amerikanischen Jazz, der Sklavenverschiffung im 17ten und 18ten Jahrhunderts und der Mythen, die sich auch im 21ten Jahrhundert noch daran knüpfen. Und so erzählt der Film „HELLBLAU“
zum einen die Liebesgeschichte der beiden Protagonisten Tillmann und
Vermilion, von Anfang an in ruhigen und sehr komponierten Bildern –
zum anderen bricht dieser Film immer wieder auf zu einem assoziativen
Patchwork von Anekdoten und dokumentarischen Materialien, die ihren
Ausgang von dieser privaten Liebesgeschichte nehmen, sie aber einbetten
in einen großen Fluss von Ereignissen, großen und kleinen
Verwerfungen der Jahrhunderte, die sich unter anderen in der in dieser
Hinsicht gar nicht marginalen Popmusik aufspüren lassen. Es wendet sich an alle Menschen, die Ohren haben zu hören, Augen zu sehen und Beine zu tanzen. uli aumüller |
