| Musik
für 1000 Finger
Der Komponist Conlon Nancarrow
Film von
Hanne Kaisik und Uli Aumüller
Dokumentation
für den Bayerischen Rundfunk und den Westdeutschen Rundfunk 1993
BetaSP PAL 45 min. – 4/3 – stereo
Kamera: Toni Sulzbeck / Ton: Marc
Parisotto / Schnitt:
Christine Hafner
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Filmtext
BR-Hörfunksendung
Manuskript
Interview
in der Neuen Musikzeitung
„Für
mich“, sagt der Komponist György Ligeti, „ist Nancarrow
einfach der bedeutendste Komponist, der heute lebt. Er hat etwas total
Originelles gemacht. Etwas total Andersartiges als alle anderen Leute,
auf dem höchsten Niveau, auf dem Niveau von Johann Sebastian Bach
oder den späten Beethovenwerken.“
Was veranlasst Ligeti zu dieser Hymne, die weit über das übliche
Kollegenlob hinausgeht? Was verbindet beide Komponisten? - Hanne Kaisik-Aumüller
(Regie) und Uli Aumüller (Autor) haben den menschenscheuen Einsiedler
Conlon Nancarrow (geb. 1912) in seinem mexikanischen Studio aufgesucht,
um diesen Fragen nachzugehen.
Etwa 40 Jahre lang - bis zu seiner Entdeckung u.a. durch John Cage oder
György Ligeti - hatte sich Nancarrow ohne das geringste Interesse
an äußerer Anerkennung in seine Komponistenklause am Stadtrand
von Mexiko-City zurückgezogen. Nachdem um 1940 die Aufführung
einer seiner Kompositionen an der Unlust und dem technischen Unvermögen
der Interpreten gescheitert war, sann er darüber nach, wie er zur
Verwirklichung seiner einerseits vom Jazz, andererseits von der 12-Ton-Musik
beeinflussten klanglichen und immens vertrackten rhythmischen Vorstellungen
ohne Instrumentalisten auskommen könnte.
Nach fehlgeschlagenen Versuchen mit einer selbst spielenden Schlagzeugmaschine
entschied er sich für ein mechanisches Klavier, ein in den 50er
Jahren bereits antiquierter Vorläufer des Musikcomputers - und
stanzte fortan Tag und vor allem Nachts Löcher in Papierrollen,
die den pneumatischen Mechanismus des Klaviers programmieren.
Die rhythmische Exaktheit des mechanischen Klaviers ermöglichte
es Nancarrow, die einzelnen Stimmen seiner polyphonen Kompositionen
mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, sogar mit unterschiedlichen
Beschleunigungen übereinander zu türmen - eine atemberaubende
Polyrhythmik, die alles in den Schatten stellt, was bislang die Musikgeschichte
auf diesem Gebiet vorzuweisen hat.
Im Film von Hanne Kaisik-Aumüller und Uli Aumüller erläutert
Nancarrow erstmals seine Vorgehensweise beim Komponieren. Er unterteilt
zuerst Zeit in schnellere und langsamere Zeitschichten, in die er dann
seine melodischen Ideen einfügt. Obwohl er von der ersten Idee
bis zur gestanzten Rolle an einer seiner bisher etwa 50 fertig gestellten
Studien für mechanisches Klavier mehrere Monate saß, war
er noch bis vor kurzem davon überzeugt, dass nach seinem Tod sich
niemand für seine Musik interessieren würde - und seine Notenrollen
auf dem Müll landen. Das 20. Jahrhundert hätte einen seiner
bedeutendsten Komponisten einfach übersehen ....
Neben Interviews mit György Ligeti, den mexikanischen Komponisten
Mario Lavista und Ana Lara, dem amerikanischen Verleger und Musikpublizisten
Charles Amirkhanian, dem amerikanischen Pianisten und Komponisten Yvar
Mikhashoff, Nancarrows dritter Ehefrau Yoko Nancarrow und seinem Assistenten
Carlos Sandoval Mendoza, kontrastiert der Film die stille, eremitenhafte
Abgeschiedenheit von Nancarrows Studio und Wohnsitz mit der multikulturellen
Vielschichtigkeit und unüberschaubaren Geschäftigkeit der
20-Millionen-Megapolis Mexiko-City.
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