Der Mythos, den der Konzertsaal erzählt, ist die Idee, dass es so etwas wie eine Musik an sich geben könnte, also eigentlich eine Mythos-freie, eine a-rituelle Musik, abstrahiert von allen rituellen und sozialen Rückbindungen, die im Konzertsaal, wenn überhaupt, nur noch als Zitat vorkommen. Aber diese Abstraktion ist selbst ein Mythos, ein Mythos, den der Konzertsaal verbirgt, indem er ihn mit jedem Konzert zur Schau stellt. Diese Idee der Musik an sich, die im Konzertsaal zelebriert wird, verschleiert gleichzeitig seine eigene Tradition: zum einen die Geschichte des Konzertsaals, eine eminent europäische Geschichte, die in jedem Konzert egal welcher Musik mitschwingt. Zum anderen seine Provinienz vom höfischen Tanz- oder Festsaal, also der Idee des sublimierten Tanzes. ES tanzen zu hören, ohne zu tanzen. Und der Konzertsaal verschleiert die Tradition der Ausstellung des sich opfernden Körpers – also die Grundidee der jüdisch-christlichen Sakralmusik, die Grundlage für das Konstrukt des »Klangkörpers«.

Was wollen die Séries Sonores? Deutschlandfunk 2006
SZ
Manuskript
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gestaltung: berndt & fischer, berlin | foto: aumüller
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