Rauschen Hören Singen ... 8:08 min

Auf einer Waldlichtung nördlich vom Summter See improvisieren eine Stunde lang Teodoro Anzellotti und zwei seiner Studenten mit ihren Akkordeonen über das Rauschen der Bäume, das Zwitschern der Vögel und Quaken der Frösche ... einer der Höhepunkte des Festivals "Mühlenbecker Klanglandschaften" Ende Mai 2019.

Theodoro Anzellotti, Tizia Zimmermann. & Kalle Moberg, Akkordeon
UA 25.05.2019 Waldlichtung Summter See im Rahmen der Mühlenbecker Klanglandschaften
13.00 - 14.00 Uhr

Uli Aumüller: Noch immer liege ich in meiner Erinnerung auf der Wiese einer Waldlichtung, der Boden wackelt bei jedem Schritt, weil unter dem Gras sich ein Moor befindet. Angenehme, frühsommerliche Wärme – über die Lichtung ziehen die Wolken, weiß und blau, in den Bäumen rundherum verfängt sich der kräftige Wind. Es rauscht mal dort hinten, dann hier vorne, die Bewegungen des Windes durchqueren den ganzen Raum, als säße ich inmitten eines Orchesters – auch ist es nicht nur ein Klang, sondern jede Baumart rauscht auf ihre Weise, die Erlen anders als die Birken, die Hainbuchen, die Eichen, Traubenkirschen, Eschen – die Robinien (die gerade ihre Blüte begonnen haben) – die Kiefern, Fichten und Douglasien pfeifen eher einen dunklen Ton, die frischen hellgrünen Nadeln einen höheren als die langen dunkelgrünen, blauschwarzen – ein Ton, der vom Summen der Autobahn in ein paar Kilometer Entfernung kaum zu unterscheiden ist. Darüber – im Diskant der Chor der Vögel: Zilpzalp, Meisen, ein paar Drosseln, Amseln natürlich, gelegentlich das eine oder andere Rotkehlchen – und immer wieder das tölpelhafte Geschrei der Kraniche, die sich beschweren, dass wir uns auf dieser, ihrer Wiese niedergelassen haben und sie von ihrem Frühstück abhalten, den Fröschen, Kröten und Schlangen. All dies klingt, als wäre es immer schon so gewesen, und genüge in seiner Vollkommenheit sich selbst – bedürfe, um seine Schönheit zu erkennen, des Auges eines Betrachters nicht. (Natürlich war es nicht immer so … es ist gerade einmal ein paar tausend Jahre her, dass über dem Sand und den sanften Hügeln dieser Landschaft vielhundert Meter dicke Gletscher lagen, die mit ihrem Gewicht und Bewegung die Gestalt der Umgebung prägten – bis über den südlichen Rand von Berlin hinaus, also etwa bis zu der Linie, der entlang heute die südliche Ringautobahn führt).

Auf dieser Lichtung sitzen auf ihren kleinen Hockern drei Akkordeonspieler, vor sich ihre Notenpulte mit Notizen einiger Materialien, die sie sich vorbereitet haben. Mit den vielen Farben des Rauschens, die das Akkordeon erzeugen kann, mit einer Fülle weiterer Spieltechniken ahmen sie die Orchesterstimmen des Waldes, des Windes, der Vögel nach – und indem sie einander ihre Stimmen abnehmen, ein Akkordeon dem anderen, ahmen sie auch die Bewegung der Klänge im Raum nach, wie sie der Wald es ihnen vorspielt. Sie ahmen die Geräusche nach, sie spielen mit ihnen, sie fügen andere hinzu aus der gleichen Familie des Rauschens, oder setzen ihnen Töne entgegen wie ein Kontrapunkt, in Harmonie, Disharmonie, Klang und Kontraklang … Geräusche und Töne. Einatmen und Ausatmen. Manchmal mischen die Akkordeone ganz leise Melodien in dieses Gewebe, die wir seit Ewigkeiten kennen, eine Invention von Bach, ein Volkslied „In einem kühlen Grunde …“ … aber diese Melodien verschwinden genauso rasch wieder, wie sie aus dem Meer des Vergessens, der Erinnerung aufgetaucht sind … Goethe schrieb einmal davon, dass der Wind Küsse mit sich trägt von einer fernen Geliebten, aber wenn er Küsse mit sich trägt, dann in seinem Rauschen auch eine Fülle anderer Schichten und Geschichten.

Inspirierend für die Musiker ist nicht nur die Sonosphäre des Waldes – eine stets sich verändernde Konstanz, ein Zustand, der eine Ewigkeit dauern könnte, in welcher kein Moment gleich dem anderes ist – eines aus dem anderen hervorgeht, die Zeit nicht stehen bleibt, sondern in einem fort eine kleine Ewigkeit nach der anderen gebiert – inspirierend für die Musiker ist nicht nur der Klang dieses Ortes, sondern – wenn sie die Augen öffnen (meist sind sie geschlossen, alle drei Musiker erwecken den Eindruck, sie seien zugleich ekstatisch außer sich und in sich ruhend) – es bietet der Wald ein Spektakel der Farben und des Lichtes: Eine Seite der Lichtung ist bewachsen mit Birken, Erlen und Pappeln, Silberpappeln, deren Blätter auf der Vorderseite weiß, silbrig sind (so auch ihr Klang) – und auf der Rückseite dunkelgrün, fast schwarz. Wenn diese Blätter vom Wind bewegt werden, sieht das aus wie die Bildpunkte eines Fernsehers, es sieht aus wie die Wellen eines Meeres, deren Bewegungen das Licht, das von der Seite hineinfällt, unterschiedlich reflektieren oder prismatisch brechen. Dieses Bild der mal schwarzen, mal silbrig hellgrünen Pappelblätterwand könnte sehr wohl als eine Partitur gelesen und interpretiert werden – die Natur als ein offenes Buch, dessen Schrift, dessen Zeichen ein uneindeutiges Geheimnis sind.

Manchmal und plötzlich – der schnarrende, schrille Ruf der Kraniche, der die Idylle unterbricht (sie beschweren sich, weil wir ihre Idylle stören, wie gesagt) … und dann, als würden Wind und Vögel und Frösche einem Dirigenten folgen, herrscht auf einmal völlige Stille: Windstille, Rauschstille, Vogelkonzertstille – die einzigen, die das Kommando des unsichtbaren Konzertmeisters nicht mitbekommen haben, sind die drei Akkordeone, die lustig weiter musizieren, unbegleitet, als sei an dieser Stelle ihre Kadenz einkomponiert, Kadenz kurz vor dem Finale, das kein Ende, sondern die Durchführung zum nächsten Anfang ist.